die Deutsche Literatur
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Weltanschauung oder Denkweise Georg Büchners
MATSUSABURO SAITO
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1977 Volume 58 Pages 58-68

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Abstract

Wenn die Schriften Büchners aus seiner Schulzeit auch wenig literarische Bedeutung haben mögen, so zeigen sie doch bereits Ansätze seiner ihm eigenen Denkweise, die später verbessert, ergänzt und in dem Werk "Dantons Tod“ objektiviert wird.
1) Büchner sieht die Dualität der Welt in der Spannung zwischen dem subjektiven Willen des Menschen und dem von ihm gezügelten Objekt. Einerseits beherrscht das menschliche Subjekt die im Menschen und in der Natur "entfesselten Elemente“ von den Ideen her. Seine idealistische Denkart, die logophile, läßt Büchner die nüchterne Erklärung des Zusammenhangs der Dinge mit der moralischen Beurteilung verwechseln. Beim Versuch zu beweisen, daß die Unsterblichkeit der Ideen ein geschichtliches Gesetz sei, versagt seine deduktive Denkweise von selbst. Da er bei der induktiven Betrachtung der Geschichte auf viele nicht von einer Idee abzuleitende Daten stößt.
Andererseits wird der Mensch ein Objekt, das von dem Naturwillen und dem geschichtlichen Gesetz beherrscht wird. Seine idealistische Betrachtungsweise bewirkt, daß seine lyrische Welt an Stellen, an denen die personifizierte Natur als Tatsache hingenommen wird, die Farben und Töne der "Vergänglichkeit“ annimmt.
Von absoluten Ideen her betrachtet ist die Wirklichkeit stets vergänglich, aber die Ideen haben die Energie, die Wirklichkeit zu verändern. Hält man sich nur an Tatsachen, so gewinnt man objektive Kenntnisse, aber dabei fehlt einem die moralische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Obwohl die logophile und die sachliche Denkweise im Grunde entgegengesetzte Richtungen beinhalten, potenzieren sie sich.
2) Für den Büchner des "Hessischen Landboten“ bedeutet Politik die Veränderung der Wirklichkeit mit Hilfe der "absoluten“ Rechtsideen. Anhand einer Statistik beweist er, daß die materielle Situation der "gesunden Vernunft“ widerspricht. Um die große Masse als Träger der Revolution zu gewinnen, verbindet er seine idealistische Denkweise mit einer sachlichen Analyse der Lage des Volkes.
Büchner meint, daß die Bauer keine Ideen verstehen, sondern nur in Bezug auf ihren Geldsack ansprechbar sind. "Dies muß man benutzen, wenn man sie aus ihrer Erniedrigung hervorziehen will.“ Diese Erkenntnis begründet seinen materialistischen Standpunkt. Büchner vernachlässigt dabei die umgekehrte Vorstellung, daß der bestehende Zustand durch die Veränderung des Bewußtseins umgestürzt werden kann. Die Abgrenzung seines Standpunktes hängt eng mit seinem Menschenbild zusammen. Während Weidig von den armen Leuten verlangt, daß sie sich von dem "Irrthum“ ihres Lebenswandels bekehren und die "Wahrheit“ erkennen, orientiert sich Büchner an der tatsächlichen Lage des Volkes. Auch wenn er das Volk den "ewigen Maulaffen“ nennt, so bedeutet dies keine Verachtung. Büchner setzt ein unbegrenztes Vertrauen auf "den heiligen Geist im Menschen“, der erst nach der materiellen Befreiung des Menschen seine Möglichkeiten zu entwickeln vermag.
Wie Golo Mann sagt, wirken die Ideen in der Wirklichkeit nur, "indem sie sich mit einem anderen verbinden, das nicht aus Ideenstoff gemacht ist“. Das ist die Paradoxie der Ideen. Bei Büchner, der die damalige Zeit für "rein materiell“ hält, wird die orm der Ideen "materiell“ verändert. Zum Beispiel wird die Idee der Gleichheit auf folgende Weise dargestellt:

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