die Deutsche Literatur
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Franz Kafka und die Wochenschrift, Selbstwehr‘
JUNICHI KUROIWA
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1977 Volume 58 Pages 69-78

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Abstract

Die, Selbstwehr‘-, Unabhängige jüdische Wochenschrift‘ war eine Wochenschrift für die Juden in Böhmen, die von 1907 bis 1938 in Prag erschien. Drei Jahre nach dem Tode Theodor Herzls gegründet, vertrat sie politisch eine zionistische Tendenz.
Der Titel, Selbstwehr‘ bedeutet einen Protest, eine Kriegserklärung gegen alles Morsche, Halbe, Faulende im Judentum und eine kräftige, vernehmliche Bejahung der jungen, selbstbewulßten, keimenden Kräfte und Bestrebungen im jüdischen Volk. Die erste Nummer der, Selbstwehr‘ erklärt mit Bestimmtheit: Die Zeit der Leisetreterei und des tatenlosen Zuwartens, des Versteckens und ängstlichen Verbergens aller jüdischen Eigenart ist vorbei, ein für allemal. Die kulturellen Güter des jüdischen Volkes sollen gepflegt werden. Eine groß angelegte Realpolitik muß an Stelle des ohnmächtigen Fortwurstelns treten.
Als Gymnasiast konnte Kafka von religiösen Bedenken kaum erschüttert werden. Die religiöse Indolenz der Familie Kafkas entsprach genau der allgemeinen des emanzipierten Prager Judentums. Auch die Möglichkeit des Zionismus hat Kafka kaum beachtet. Er lehnte sowohl das leere Formal-judentum als auch manche Akademismen im frühen Zionismus ab, deren Wurzel in der programmatischen, kämpferischen Position lag. Während seines Studiums war Kafka wie seine anderen Freunde assimilierend gesinnt. Sein Freund Bergmann berichtet, daß Kafka bis 1912 niemals mit ihm über den Zionismus gesprochen hat.
Im Oktober 1911 kommt eine Gruppe der jiddischen Schauspieler aus Polen, und Kafka besucht in den nächsten Monaten regelmäßig ihre Vorstellungen, von denen Kafka sehr beeindruckt ist. Seitdem studiert er das Judentum. Es wäre zu vermuten, daß seine Berührung mit der, Selbstwehr‘ in diesem Jahr angefangen hätte. Er liest die "Geschichte der Juden“ von Heinrich Graetz und danach die jiddische Literaturgeschichte von Pines. Kafka schreibt Ende 1917 an Max Brod, chassidische Erzählungen seien das einzige Jüdische, in welchem er sich zu Hause fühle. Nach der Abreise der jiddischen Schauspieler besucht Kafka zum erstenmal die Veranstaltung des zionistischen Vereins Bar Kochba und nimmt an Debatten über den Zionismus teil.
In der Verbindung Kafkas mit dem Zionismus läßt sich aber ein Charak-teristisches feststellen. Sein Interesse gilt nur der Übersiedlung nach Palästina. Kafkas Anteil am Zionismus war zwar beschränkt, aber höchst lebhaft. Auch die einfache und bescheidene Lebensführung der Kolonisten in Palästina zog Kafka an. Kafka hat selber die Absicht gehabt, nach Palästina auszuwandern (Br. 277). Er versprach 1920 tausend Kronen dem jüdischen Nationalfond, falls die Bewerbung seiner Schwester Ottla für einen land-wirtschaftlichen Vorbereitungslehrgang für Palästina Erfolg habe (Br. 264). Die Namen der Spender wurden in der, Selbstwehr‘ aufgeführt. In der Nummer vom 13. 2. 1914 findet man unter anderen Ottla Kafka, die sieben Kronen spendete.
Am 12. Dezember 1913 schreibt Kafka im Tagebuch: "Diskussionsabend im Beamtenverein. Ich habe ihn geleitet.“ (T. 343) Der Verein diente "einmal der Organisation jever kommerziellen Beamten, die sich als bewußte Juden fühlen und die an der großen Volksarbeit eilzunehmen das Bedürfnis fühlen“.
Trotz dieser oben angeführten Dokumente wäre es nicht richtig, Kafka einen Zionisten zu nennen. Er empfindet es als eine Aufgabe, im jüdischen Mutterboden Wurzeln zu fassen, aber die dafür notwendigen Kräfte fehlten ihm. Kafkas Haltung zum Zionismus ist, ganz anders als Brods oder Bergmanns praktizierter Zionismus, über Jahre hinweg rezeptiv und inaktiv. Doch erst

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