Abstract
Die vorliegende Arbeit verfolgt die Entwicklung von der bürgerlichen "Interieur“-Kultur zu P. Scheerbarts "Glasarchitektur“, unter deren starkem Einfluß B. Taut seinen expressionistischen Glaspavillion das "Glashaus“ erbaut hat. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt in Scheerbarts architektonischen Phantasien, in denen die moderne Technik wie nie zuvor in der deutschen Literatur in den Vordergrund getreten ist. Die geschichtliche Problematik der "Glasarchitektur“ von Scheerbart und Taut läßt sich erst dann beschreiben, wenn man die "Interieur“-Kultur des späten 19. Jahrhunderts als Vorgeschichte in Betracht zieht.
Die rasante technische Entwicklung im 19. Jahrhundert mit epochemachenden Erfindungen wie Eisenbahn, Dampfschiff, Gaslicht, Photographie, Elektrizität hat eine tiefgreifende Umwandlung aller Lebensbereiche und natürlich auch in der Wohnungskultur bewirkt. Die bürgerliche Wohnung hat erst im 19. Jahrhundert "den Weg zu Luft und Licht“ gefunden, wie Karl Dauthendey, einer der ersten Photographen in Deutschland, zukunftsfroh geäußert hat. Das Prinzip der Rationalität und Nützlichkeit sollte auch in der neuen bürgerlichen Wohnung herrschen. Dieses Grundmotiv der modernen bürgerlichen Architektur ist aber noch nicht im 19. Jahrhundert zur Geltung gekommen.
Dolf Sternberger hat einmal in seinem Buch "Panorama“ die Problematik des bürgerlichen "Interieurs“ eindrucksvoll dargestellt. Zum Interieur gehört nach ihm ein eigenes dämmeriges Licht, das den Innenraum von der äußeren Welt unterscheidet und auch innerlich trennt. Das Prinzip der Decke erst, die wie die Haut den nackten Innenraum verhüllt und schützt, gestaltet diesen in das intime Interieur um. Neben den Elementen der Decke wie Gardinen, Tapeten, Teppiche dienen vor allem die Farben als Hauptmittel der "Stimmung“ dazu, dem Interieur eine von außen abgeschlossene Intimität zu verleihen. Schon in dem "permanenten Zwang zum farbigen Überziehen aller Flächen ringsum“, wie ihn Sternberger an und in bürgerlichen Häusern konstatiert, kündigt sich indessen der regressive Charakter der bürgerlichen Architektur des späten 19. Jahrhunderts an, die immer mehr dem Historismus und dem Stil-Eklektizismus verfallen ist. Walter Benjamin deckt die Ideologie dieses regressiven Interieurs auf, indem er es als "Komplement“ zur Arbeitsstätte mit seiner sozialen Umwelt, mit der es nichts zu tun haben will, in Zusammenhang bringt.
Das Bild vom "Unterreich“ im Werk "Algabal“, das George als künstlerische Gegenwelt zu seiner zeitgenössischen Gesellschaft entwirft, steht im engen Zusammenhang mit dieser Entwicklungsgeschichte des Interieurs im Wilhelminischen Zeitalter. Die Autarkie des Kunstreichs, das nichts von der äußeren Welt bedarf, ist seine Ideologie. Der Schrecken des Unnatürlichen soll dieses dämmerige Kunstreich vor der profanen Gesellschaft beschützen. Aber die Allmächtigkeit der Kunst im "Unterreich“ ist nur scheinbar und schon in die Brüche gegangen unter der verdeckten Erosion von beiden Seiten der Kunst: Natur und Technik. Im Reich der Kunst, aus dem auch schon das natürliche Licht verdrängt ist, darf dennoch kein technisches Licht aufleuchten, denn wo es brennt, muß die Aura der heilligen Kunst verschwinden.
George und sein Zeitgenosse Scheerbart teilen den Anti-Naturalismus und den imponierenden Avantgardismus, der keine reale, sondern nur künstliche Gegenwelten zum Gegenstand der Kunst haben will. Aber Scheerbarts Avantgardismus greift der technischen Moderne des 20.