抄録
Gegenstand dieser Abhandlung ist Thomas Manns erste Prosaarbeit Vision. Dieses äußerst kurze Werk, das 1893 verfasst, in einer Schülerzeitschrift veröffentlicht und Hermann Bahr gewidmet wurde, schildert eine Vision des Erzählers. Während er am Schreibtisch sitzt und eine Zigarette dreht, vermischt sich der Rauch mit der Abendluft, die durch das Fenster einströmt, und bildet merkwürdige Formen. In diesem Moment setzt die Vision ein. Diese Vision nimmt erotische Züge an und verbindet sich mit den Erinnerungen des Erzählers, bevor sie nach einem Höhepunkt wieder in die Dunkelheit verschwindet. Obwohl dieses Werk in der Forschung bisher wenig Beachtung fand, bietet es als Ausgangspunkt für Manns späteres Schaffen viele interessante Aspekte. Diese Arbeit fokussiert sich auf die Störung binärer Gegensätze, die Fragmentierung des Körpers sowie die Machtstrukturen des Blickes und deren Umkehrung. Es wird gezeigt, dass dieses Werk nicht nur ein Archiv verschiedener ‚Visionen‘ ist, die später in Manns Werk erscheinen, sondern auch thematisch und strukturell wichtige Elemente seiner Werke bereits vorwegnimmt und somit als queerer Ausgangspunkt seiner Schaffensphase betrachtet werden kann.
Die berühmten binären Gegensätze wie die von Bürger und Künstler oder von Leben und Tod, die in späteren Werken wie Buddenbrooks und Tonio Kröger etabliert wurden, sind in frühen Werken wie Vision noch nicht klar ausgeprägt. Jedoch zeigt sich in Vision bereits die Struktur dieser binären Gegensätze auf der Ebene des Erzählens. Zudem wird die Destabilisierung dieser Gegensätze durch Nervosität, körperliche Erschütterungen und die Umkehrung der Macht des Blickes dargestellt.
Diese Darstellung der binären Gegensätze zeigt sich in der Struktur der Erzählung durch den Kontrast von Licht und Dunkelheit, Realität und Fantasie, Wachzustand und Traum sowie der Dualität von Traum und Erinnerung. In der aufsteigenden Vision wird eine erotische Beziehung zwischen dem Sehenden und der Gesehenen sichtbar. Der begehrende Blick des Mannes richtet sich auf den Körper der Frau, die gesehen und begehrt wird. Dieser Blick fragmentiert und objektiviert den Körper der Frau durch die Technik des Close-ups und verursacht dabei Schmerz. Diese scheinbar typische Situation des ‚male gaze‘ wird jedoch umgekehrt, indem der Sehende selbst Schmerzen erfährt. Bereits beim Einsetzen der Vision verspürt der Erzähler eine gewisse körperliche Unbehaglichkeit. Nach dem sadistisch-erotischen Höhepunkt der Vision und der Rückkehr zur Realität wird der Erzähler von körperlichen Schmerzen erfasst. Der abschließende Satz „Aber ich weiß es nun so sicher wie damals: Du liebtest mich doch… Und das ist es, warum ich nun weinen kann“ verdeutlicht durch die Umkehr der Positionen von ‚du‘ und ‚ich‘, dass die binären Gegensätze von Sehen und Gesehenwerden, Begehren und Begehrtwerden sowie Herrschaft und Unterwerfung destabilisiert und gestört werden.
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