Es gibt Wörter, die in einem anderen Sprachgebiet einen
"neuen“ Sinn erhalten oder den eigentlichen Sinn verlieren, und die Wörter Humanismus, Humanität, human im Japanischen sind typische Beispiele dafür. Da kann man eigentlich zwischen human und menschlich nicht unterscheiden. Daher kommt, daß, während Humanismus von human hergeleitet ist, die japanische Bezeichnung
"jinbunshugi“ aus zwei Elementen gebildet ist; das eine, jin, drückt
"Mensch“ oder
"menschlich“ aus und das andere, bun, mit dem
"Kultur“ oder
"Literatur“ gemeint ist, ist beigefügt, um dadurch eine sehr enge Beziehung zwischen den humanistischen Strömungen und der Antike zu betonen. Als eine historische Bezeichnung könnte es eine nicht so schlechte Wortbildung sein, wenn man davon absieht, daß das Christentum im Mittelalter sich als die einzige Pflegerin der antiken Kultur verdient gemacht hat. Aber gerade wegen dieser Wortbildung ist es zum Beispiel unmöglich,
"der Humanismus im weiteren Sinn“ mit jinbunshugi zu übersetzen. So benutzt man dabei oft die phonetische Wiedergabe des englischen
"humanism“.
Für
"Humanität“ gebraucht man als entsprechende Bezeichnung meistens
"ningensei“. Das Wort bedeutet einerseits wörtlich
"Menschennatur“ und undererseits
"Menschlichkeit“. Und obgleich es als Entsprechung von
"Humanität“ ziemlich neu geprägt worden ist, ist das Wort heute völlig im Japanischen eingewurzelt, ja sehr beliebt. Aber
"Humanität“ besagt oft ohne weiteres
"Menschenliebe“, obgleich sie in den meisten Wörterbüchern nicht so erklärt ist. Und aus
"ningensei“ kann man
"Menschenliebe“ nicht herleiten. So gerät man bei der Über-tragung oft in Verwirrung, so daß man auch bier wie bei
"Humanismus“ die phonetische Wiedergabe von
"humanity“ benutzen muß.
Thomas Mann gebraucht im Roman
"Doktor Faustus“ wenigstens 11-mal das Wort
"Humanität“ und zwar im Sinne der
"Menschenliebe“. Dort gibt es die folgende Passage, wo der Biograph Serenus Zeitblom über den Privatdozenten Eberhard Schleppfuß und seine bedenklichen Vorlesungen berichtet:
"Gewisse Leute sollten nicht von Freiheit, Vernunft, Humanität sprechen, aus Rcinlichkcitsgründen sollten sie es unterlassen. Aber gerade von Humanität sprach Schleppfuß auch-natürlich im Sinn der, klassischen Jahrhunderte des Glaubens‘, auf deren Geistesverfassung er seine psychologischen Erörterungen gründete. Deutlich lag ihm daran, zu verstehen zu geben, daß Humanität Erfindung des freien Geistes sei, daß nicht ihm nur diese Idee zugehöre, daß es sie immer gegeben habe, und daß beispielsweise die Tätigkeit der Inquisition von rührendster Humanität beseelt gewesen sei.“ Diese Vorstellung der von rührender Humanität beseelten Inquisition findet sich in Thomas Manns Werken wenigstens zweimal; in seiner Kritik an den Zivilisationsliteraten in den
"Betrachtungen eines Unpolitischen“ und in der Debatte des Fortschrittlers Settembrini mit dem Jesuiten Naphta in
"Der Zauberberg“. In den beiden Fällen aber verwendet er statt Humanität
"Menschenliebe“; zum Beispiel wie hier:
"…Sie sind weit entfernt, Schwert und Scheiterhaufen als Instrumente der Menschenliebe anzuerkennen…“ /
"In deren Dienst dagegen“, äußerte Naphta,
"arbeitete die Maschinerie, mit der der Konvent die Welt
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