Das erste Idyll Theokrits wirft fur die Forschung bestimmte Probleme auf, die sich in den verschiedenen Interpretationsthesen zu diesem Gedicht spiegeln. Kennzeichnend fur die meisten Interpretationen ist der Versuch, die Leiden des Daphnis in einem Zusammenhang mit der Tragik des Hippolytos zu sehen. Damit verwandt ist der Versuch, eine Vorgeschichte des Daphnis zu konstruieren. Eine andere Auffassung sieht in der ironischen Distanz des Autors zu seinen poetischen Gegenstanden den Grundcharakter des theokritischen Werks. Insofern destruieren das Stadtleben spiegelnde Verhalten des Geisshirten und die Figur des an den vollig unbukolischen tragischen Helden Hippolytos erinnerunden Daphnis die bukolische Stimmung der Anfangsszene, die von der Beschreibung des locus amoenus erregt wird. Fur diese Interpretation entsteht aber die Frage nach dem Zusammenhang der Daphnis Geschichte mit dem bukolischen Eingangsthema und damit die Frage nach der inneren Einheitlichkeit dieses Gedichtes. Wenn man Daphnis "unbukolisch" auffasst, wird insgesamt problematisch, ob das erste Idyll ein bukolisches Gedicht ist und was uberhaupt das Bukolische bei Theokrit bedeutet. In der Anfangsszene beschreiben Thyrsis und der Geisshirt sowohl ihre musische Betatigung als auch die schone Natur mit dem Schlusselwort theokritischer Hirtendichtung, αδυ. Auch in der Beschreibung des Trinkgefasses durch den Geisshirten, das im Namen "Kissybion" und in den darauf geschnitzten Szenen nicht stadtische, sondern landliche Zuge aufweist, wird die gleiche Wirkung der schonen Natur und des musischen Werks auf die Menschenseelen angedeutet, so dass zwischen der Gefassbeschreibung und der bukolische Eingangsstimmung des Gedichtes ein tieferer Zusammenhang besteht. Zur Erklarung des Leidens Daphnis' im Thyrsis-Lied miissen die Worte, welche die Gottheiten an den "dahinschmelzenden" Daphnis richten, genau untersucht werden. Aus der Rede Aphrodites ist zu schliessen, dass Daphnis im Gegensatz zu Hippolytos, der unempfindlich gegen die Reize des Aphrodisischen ist, durch die Pfeile des Eros todlich verwundet wird und dennoch entschlossen ist, lieber zu sterben als dem Drangen des Eros nachzugeben. Das Verhalten der Gottin lauft auch nicht darauf hinaus, Daphnis wie Hippolytos mit dem Tod zu bestrafen. Sie versucht sogar, nachdem er sie an ihr eigenes Leiden durch die Liebe zu Anchises und Adonis erinnert hat, sein Leben zu retten. Die Rede Priaps wird oft so ausgelegt, dass Daphnis' Liebe unerwidert und deshalb unglucklich sei. Mir scheint vielmehr, dass Priaps Spott die Ohnmacht Daphnis' gegenuber Eros und den unerfullbaren Wunsch Daphnis' treffen soil. Auch Hermes' Wort zeigt offensichtlich, dass der Grund des Leidens Daphnis' nur seine Verliebtheit ist, unabhangig von konkreten Umstanden dieser Liebe. Die Interpretationen, die Daphnis' Ungluck aus einer im Gedicht nicht erwahnten Vorgeschichte erklaren wollen, gehen deshalb fehl. Denn als das Wesen des Eros der theokritischen Hirten enthullt sich die unerfullbare und dennoch unwiderstehliche Sehnsucht nach Schonheit. Das einzige Heilmittel gegen diesen Eros kommt, wie die Klage Thyrsis' uber die Abwesenheit der Nymphen (V. 66 ff.) andeutet, von den Nymphen, d. h. von der heilenden Kraft der Musen. Von diesem Pharmakon spricht Theokrit auch in seinen anderen Werken(z. B. im 7., 10. und 11. Idyll) , und immer handelt es sich dabei um den Versuch, die Liebe aus einer sengenden und schliesslich vernichtenden Gewalt in einen milden, heiteren Seelenzustand zu uberfuhren, und nicht etwa um den sentimentalen Wunsch, sich uber die ungluckliche Liebe hinwegzutrosten. Das Leiden Daphnis' kann daher durchaus zu einem Grundthema bukolischen Singens werden, weil boukoliasthai der Versuch ist, mit den Mitteln der Kunst den Zauber des kakon Eros abzuwehren und durch die Beschaftigung mit dem Schonen in Natur und
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