die Deutsche Literatur
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Antwort und Provokation
Über Fried, Celan und Brecht
Etsuko TOMIOKA
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1995 Volume 94 Pages 131-142

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Abstract
Wenn ein Dichter die Verse eines anderen Dichters zitiert, sucht er die Möglichkeit des Gesprächs. Das kann Antwort, Zustimmung und zugleich auch Provokation sein. Der vorliegende Aufsatz handelt von den Gedichten Erich Frieds, der sich sehr oft auf Paul Celan und Bertold Brecht bezieht. Die Reaktion Frieds legt das Dilemma der deutschen Gedichte seit 1945 und die Möglichkeiten der modernen Gedichte offen.
Das Gedicht Frieds "Beim Wiederlesen eines Gedichtes von Paul Celan“ zitiert die Verse, es sind/noch Lieder zu singen jenseits/der Menschen‘ und antwortet ihnen zugleich. Zwar scheint es vordergründig ein Gedicht zum Gedenken an den Tod Celans zu sein, doch ist es wohl viel eher als ein Widerspruch gegen die poetologische Haltung Celans und seinen Freitod zu verstehen.
Für Fried und auch Celan mußte es eine literarische Aufgabe sein, das Vergessen des faschistischen Verbrechens gegen die Menschheit anzufechten und gleichzeitig die Anfechtungen gegen eine Dichtung, die sich eine absolute Schönheit schaffen will, durchzusetzen. Diese Aufgabe schließt zwar das komplizierte Dilemma zwischen engagierter und reiner Dichtung ein, aber Celan mußte die Schwierigkeiten dieses Dilemmas bis zuletzt austragen.
Trotzdem bekennt Celan im Gedicht "Fadensonnen“ unverhohlen seine Intention nach dem Absoluten. Fried, der den Trieb zur absoluten Dichtung streng unterdrückt haben soll, nennt dieses Gedicht Celans einen, furchtbaren Irrtum‘ und verdammt es. Denn er ist fest davon überzeugt, daß man nur mit Anfechtungen gegen die Unmenschlichkeiten und durch Freundlichkeit zu den lebenden Menschen das schwierige Problem, als Jude nach Auschwitz weiterhin Gedichte zu schreiben, überwinden kann. Die Redegewandtheit von dem oben erwähnten Gedicht Frieds beweist, daß das Gespräch über, den Irrtum‘ mit Celan ein für ihn dringendes Verangen ist. Celan und seine Gedichte bleiben eine nicht zu heilende Wunde für Fried und treiben ihn aufs neue zu dem Kampf mit den Worten.
Was Fried aus einem surrealistischen Lyriker in einen engagierten Dichter verwandelt, sind sein Zorn und Zweifel an dem eigenen Zeitalter, das Massaker und Kriege wiederholt. Außerdem läßt sich doch vermuten, daß seine eigene Bestimmung, Gedichte in der Nachfolge von Brecht zu schreiben, die Geburt des radikalen politischen Dichters fördert. Besonders fällt auf, daß von den Gedichten, die seit 1966 direkt an Brecht gerichtet waren, ein größerer Teil sich auf "An die Nachgeborenen“ von Brecht bezieht. Fried hängt konsequent an diesem Gedicht, das Brecht in der Emigration in Svendborg schrieb, weil darin sowohl eine Anzeige gegen das Verbrechen des Nationalsozialismus als auch die ernste Frage, ob es Lyrik in diesem Zeitalter immer noch geben könne, ein geschlossen sind.
Aus dem Gedicht von Brecht übernimmt Fried die kritische Haltung, die aufzeigt, daß eine erneute arglose Hinwendung zur Natur und zum Kleinbürgertum fast ein Verbrechen ist. Diese Provokation, die nach dem Terminus Brechts, Verfremdung‘ genannt werden kann, entwickelt Fried zum redegewandteren, hartnäckigeren Angriff gegen das eigene Zeitalter. Denn Fried erkennt darin eine bedrohliche Krise, in der die Flucht aus der Wirklichkeit schon den Zusammenbruch der Welt heraufbeschwören könnte.
Auf Brechts "An die Nachgeborenen“ antwortet Celan mit dem siebenzeiligen Gedicht "Ein Blatt“. Die poetologische Haltung, die Celan von Brecht lernen will, ist vor allem die Methode der Anspielung, die von den Lesern das Erwachen zur Erkenntnis der Wirklichkeit fordert. Ohne Provokation mit Anspielungen kann die Dichtung zu einer einseitigen Agitation degenerieren.
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