Abstract
1. Ein Mann ohne Identität?
"Schott“ von Hans Joachim Schädlich ist ein Werk mit Experimenten und Versuchen, über vorhandene literarische Normen und übliche Schreibweisen hinwegzukommen. Schon von Anfang an wird angedeutet, daß Schott, die Hauptfigur des Buches, nicht nur eine Person ist. Schott, der Symptome von Schizophrenie aufweist, sieht z.B. überall sich selbst. Auch im Bordell sieht und hört er von weitem, wie er selbst mit einem Mädchen schläft. Schott erlebt alles indirekt und abwesend, ein Teil von ihm bleibt immer Beobachter. Schott lebt ziemlich anonym in einer Stadt. Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten oder Identitätsmöglichkeiten von Schott mit anderen Menschen werden vom Autor sorgfältig verneint und getilgt. Schott ist niemand und kann jedermann sein, wegen seiner Schizophrenie und seines Überall-da-seins. Das erste Merkmal des Romans ist also: Entsubjektivierung der Figur Schott.
In der ersten Hälfte des Buches fällt auf, daß Schott sehr wenig handelt. (Dem Buch im ganzen fehlt eine durchgehende Handlung.) Schott denkt immer über die Möglichkeiten nach, was man tun oder was da geschehen könnte, kann sich aber für keine von denen entscheiden. In dem Buch werden, wie in einem Denkspiel der Mathematik ("Reihenfolge“ und "Kombination“), sehr pedantisch die möglichen Fälle und ihre möglichen Folgen aufgezählt.
Nicht nur die Figur und die Handlung, sondern überhaupt die Sätze dürfen in "Schott“ beliebig sein. ("Es ist gleichgültig, ob SCHOTT mit diesen oder anderen Sätzen anfängt.“) Was für Schott aber nicht gleichgültig ist, ist Liu, die er liebt und sucht. Es gibt Interpretationen über Liu, daß sie das andere Ich von Schott sei, da "Liu“ ein Anagramm vom französischen "lui“ ist. Oder seine verlorene Anima, die er schließlich gar nicht findet. In dem Buch geht diese Trennung immer weiter.
2. Rhizome-das Flugzeug und die Pistole mit einem Schalldämpfer.
Die Unerreichbarkeit von Liu wird auch in ihrem Beruf-Pilotin-symbolisiert. Obwohl sie in der gleichen Stadt wie Schott wohnt, ist sie fast immer abwesend. In Schott wächst die Sehnsucht nach dem Flugzeug, für sein schizophrenes Bewußtsein funktioniert das Flugzeug als "Rhizome“ nach dem Deleuze- und Guattarischen Sinne, als die Wurzel, die Dinge verbindet und ein durchsichtiges Netz über die Welt spannt. Im Gegensatz zum Flugzeug wirkt die Pistole mit einem Schalldämpfer, mit der Schott die Hunde von Spaziergängern erschießt, als ein negatives "Rhizome“. Sie garantiert "Distanz“ und "Anonymität“ in einer Großstadt. Mit dieser Pistole will Schott nun gegen seinen Ex-Freund Schill kämpfen. Die Auseinandersetzung mit Schill wird durch ihre verschiedenen Weltanschauungen herbeigerufen. Während Schill glaubt, daß die Welt aus Namen bestehe, lebt Schott in einer namenlosen Welt. Schill, der nun als despotischer Herrscher die Welt regiert, vertreibt Schott ins Exil. Er ist aber andererseits der erwünschte Verfolger, da Schott dank ihm endlich mal handeln kann und versuchen, sich zu "entterritorisieren“. Nach einer Wanderung durch die Wüste wird Schott schließlich zu einem Pergament, zu einem "Körper ohne Organ“.
Anders als Schott, der ohne zu sterben von seinem eigenen Körper loskommen kann, wird Liu am Ende der Geschichte lebendig in einem Ofen verbrannt. Eine Geschichte, in der eine Frau (oder ein weibliches Ich) wegen der Auseinandersetzung zweier Männer ermordet wird, damit die beiden Männer überleben,