Abstract
Der letzte kursive Satz “Herr X war auf Reisen. Heute durchstreifte er zum letzenmal die europäische Hafenstadt, denn morgen ging sein Schiff nach Amerika. (Käte Hamburger (31977: 65))” ist immer wieder als Bericht des Erzählers ins Japanische übersetzt worden, obwohl er die erlebte Rede (im Folgenden; ER) ist, in der die Äußerung oder der Gedanke von Herrn X wiedergegeben ist. Trotz des mangelnden Kontextes ist das sichere Kriteritum dafür die Verbindung des deik-tischen Zeitadverbs (morgen) mit dem Präteritum (ging). Diese Verbindung ist in der Umgangssprache oder in der Wirklichkeitsaussage (Hamburger) unmöglich, weil man dort nur eine Perspektive (einen eindimensionalen Tempusgebrauch) hat. In der Er-Erzählung kann man dagegen auf dem Standpunkt des Erzählers stehend aus der Perspektive der handelnden Person die Geschichte erzählen. Vor allem in der personalen Erzählsituation (Stanzel) ist das Ineinandergreifen beider Perspektiven (Erzähler und Figur) möglich und die ER kann dort auftreten.
Wie ist das mit homodiegetischen Erzählungen (Genette: bedeutungsgleich mit Ich-Erzählungen)? Obwohl Herdin (1905) schon die ER in der Ich-Form erklärt hatte, hat niemand nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts die ER in der Ich-Form erwähnt. Überdies meint Hoffmeister (1965) u.a. aus zwei Gründen, dass die ER nicht im Ich-Roman auftritt. (1) Ich-Erzähler können das Innere einer anderen Person nicht direkt beschreiben, weil sie selbst im Werk eingeschlossen sind. (2) Ich-Erzähler können zwar ihr Denken direkt ausdrücken, aber das kann nicht in der ER ausgedrückt werden. Obwohl in der ER die Differenz zwischen dem Erzähler und den Personen nötig sei, gäbe es diese Differenz im Ich-Roman nicht. Aber schon vor Hoffmeister bemerkten Lämmert (1955) und Stanzel (1964) diese Differenz im Ich-Roman, ohne allerdings die ER im Ich-Roman zu bemerken. Basierend auf Lämmert und Stanzel hat Cohn (1969) die ER in Ich-Romanen wieder entdeckt und genau erklärt, warum die ER auch in Ich-Romanen aufritt. Nach Cohn kann ein Ich-Erzähler das Innere der Anderen zwar nicht direkt beschreiben, aber er kennt das eigene Innere, und das kann man sehr wohl in der ER ausdrücken, weil es in Ich-Romanen einen Unterschied zwischen dem “erzählenden Ich” und dem “erlebenden Ich” gibt. Dieser Unterschied entspricht dem Unterschied der Erzähler und Personen in Er-Romanen. Nebenbei bemerkt, Ich-Erzähler können zwar nicht das Innere, aber die Äußerung einer anderen Person direkt beschreiben und sie in der ER ausdrücken.
Cohn hat die ER im Ich-Roman, nämlich die ER in der Fiktion behandelt. Wie ist es mit der Nonfiktion wie in Tagebüchern, Erinnerungen und Biografien, in denen die realen Ich-Erzähler auftreten?
1. Wiedergabe der Äußerung der realen anderen Person in homodiegetischen Erzählungen:
Wie in der “Erinnerung” von Lisa Fittko (Beispiel (4)) und im “Tagebuch” von Gide (Beispiel (5)) klar wird, werden die Äußerungen der Nonne und von Martin du Grad aus der Perspektive von Lisa und Gide transponiert und in der ER wiedergegeben.
2. Wiedergabe der Gedanken des realen erlebten Ichs in homodiegetischen Erzählungen: Wie im “Tagebuch” von Anne Frank (Beispiel (6)) und in der “Erinnerung” von Lisa (Beispiel (7)) und Heinz Berggruen (Beispiel (8)) klar wird, werden die Gedanken des realen erlebenden Ichs (Anne, Lisa und Berggruen) aus der Perspektive des erzählenden Ichs in der ER wiedergegeben.
3. Wiedergabe der Gedanken der realen anderen Person in homodiegetischen Erzählungen.
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