In der vorliegenden Arbeit wird die Erzähltechnik der erlebten Rede in der Erzählung „Bürgerliche Liebe“ aus dem Sammelband
Experimente (1907) von Max Brod analysiert. Brod ist allgemein als Herausgeber der posthumen Manuskripte Kafkas bekannt, war jedoch zu seinen Lebzeiten ein bedeutender Vertreter der sogenannten „Prager deutschen Literatur“ im frühen 20. Jahrhundert.
Die erlebte Rede ist eine Form der Rede- und Gedankenwiedergabe, die als Zwischenform von direkter und indirekter Rede gilt. In literarischen Texten können die Äußerungen und Gedanken einer Figur entweder wörtlich wiedergegeben werden (direkte Rede) oder vom Erzähler in veränderter Form berichtet werden (indirekte Rede). Die erlebte Rede liegt zwischen diesen beiden Formen: Obwohl der Erzählstandpunkt und das Tempus dem Erzähler gehören, spiegeln Ausdrücke und Satzstrukturen, wie z. B. die Wortwahl oder der Gebrauch von Frage- und Ausrufesätzen, die Sprache der Figur wider. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Figur selbst spricht, was es dem Leser ermöglicht, sich in die Perspektive der Figur hineinzuversetzen und deren Gedanken und Emotionen unmittelbar mitzuerleben.
Wie Günter Steinberg ausführlich analysiert hat, verwendeten viele deutschsprachige Autoren um 1900, einschließlich Brod, die erlebte Rede gerne als Erzähltechnik. Selbst in der sogenannten Trivialliteratur, wie z. B. in
Helmut Harringa (1910), einem damaligen Bestseller, findet sich der Gebrauch der erlebten Rede. In diesem Werk, besonders im ersten Kapitel, dient diese Erzähltechnik dazu, dem Leser das Einfühlen in eine unschuldige Figur in einem traurigen Zustand zu erleichtern.
Der Sammelband
Experimente von Max Brod besteht aus vier Erzählungen, die um den Prager Schriftsteller Francis Gehmann kreisen. In „Bürgerliche Liebe“ steht die Geschichte eines Studenten namens Josef Plemscheier im Mittelpunkt, der aus dem Egerland im westböhmischen Bereich stammt und nun in Prag studiert. In der Stadt kämpft er gegen die Oberflächlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft, insbesondere gegen die durch die damaligen bürgerlichen Normen geprägten flachen Beziehungen der städtischen Frauen, die Gehmann als
„bürgerliche Liebe“ bezeichnet. Plemscheier versucht, diese Gesellschaft zu reformieren, doch indem er die ihm zugeteilte Rolle als „Verehrer“ von Fräulein Roy Federmann übernimmt, verfällt er schrittweise den bürgerlichen Verhaltensweisen, die er einst verabscheute. Diese Erzählung illustriert somit das Scheitern seines Kampfes gegen das „Übermaß an Fäulnis und Unsittlichkeit“ in Prag.
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