抄録
“Future historians of the development of the theatre in the twentieth century will record at least two great influences of particular interest: the extraordinary popularity of Ballet and the renaissance of Puppetry” – dies behauptet der Tanzkritiker und Tanzhistoriker Cyril W. Beaumont in seinem Buch Puppets and the Puppet Stage (1938). Die Epoche der Moderne, in der eine neue Körperkultur aufblühte, war folglich nicht nur die Zeit der Theaterreform und der Revolution des Tanzes. Sie war auch die Zeit der „Renaissance der Marionetten“ (Max von Boehn), aus der weltweit die Begründer des künstlerischen Puppentheaters hervorgingen: im deutschsprachigen Raum waren Beispiele dafür etwa Paul Brann, Ivo Puhonný, Lotte Reiniger und Richard Teschner, um nur einige besonders wichtige Namen zu nennen.
Diese Renaissance der Marionetten bedeutete nicht nur eine Innovation gegenüber dem herkömmlichen Puppenspiel, sondern in gewisser Weise auch die Antithese zum modernen westlichen Menschenbild. Während das bürgerliche Theater das freie, autonome Individuum idealisierte, versuchte das künstlerische Puppentheater, wie der neu entstandene moderne Tanz, andere Körperbilder für die Menschen anzubieten, die in der Krisenzeit des westlichen Gesellschaftssystems lebten. Edward Gordon Craigs „Über-Marionette“, die in Anlehnung an Nietzsches „Übermensch“ als Ersatz für den menschlichen Schauspieler konzipiert wurde, symbolisierte sowohl die Überwindung des herkömmlichen Menschenbildes als auch die Erneuerung des traditionellen Marionettentheaters.
Angesichts dieses Bedürfnisses nach Mustern für ein alternatives Menschenbild ist es nicht verwunderlich, dass das künstlerische Puppentheater an der Kultur des Anderen interessiert war. Der Beitrag will daher untersuchen, welche Rolle Elemente aus verschiedenen Kulturen im künstlerischen Puppentheater spielten. Anhand von Texten, Fotos, Videos und anderen Materialien möchte ich klarmachen, wie sich die Rezeption der nicht-europäischen Kulturen auf den Diskurs und die Praxis von Edward Gordon Craig, Sophie Taeuber-Arp und Richard Teschner ausgewirkt hat.
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